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19.03.03

Im März 2003 reiste der Fotograph Luka Faccio im Auftrag verschiedener Zeitungen in den Irak. Der Angriff US-amerikanischer und britischer Streitkräfte war zu diesem Zeitpunkt bereits absehbar. Im Folgenden verbrachte er rund zwei Monate im Norden des Irak und dokumentierte die Zeit vor und während des Krieges in und um die mehrheitlich von KurdInnen bewohnten Städten Arbil, Halabja, Kahzak und Kalak.

Wodurch unterscheiden sich nun die Fotografien dieser Ausstellung von jenen, welche wir alltäglich im Kanon der Massenmedien vorfinden? Zunächst muss man sich hierzu bewusst werden, dass ein Grossteil des Massenmedien zur Verfügung stehenden Materials bereits die Zensurmaschine der Militärs durchlaufen hat bzw. die Medienkonglomerate zum Teil direkt in die Struktur der Streitkräfte "eingebettet" sind. Doch auch Beiträge "kritischerer" Massenmedien unterliegen bestimmten Gestaltungskriterien, je nachdem welches Bild vermittelt werden soll: das "Rohmaterial" wird ausgewählt, montiert und arrangiert um damit einen Focus auf bestimmte Aspekte zu erzeugen.Im Gegensatz dazu zeichen sich die Fotografien von Luka Faccio oft dadurch aus, dass sie einen Schritt zurückzutreten und damit das abzubildende Ereigniss zugunsten einer umfassenden Szenerie in den Hintergrund treten lassen. Als Beispiel hierfür kann etwa jenes Bild herangezogen werden, welches eine Gruppe Soldaten zeigt, die auf einer Schotterstrasse neben einem Pick-Up stehen. Links der Strasse erhebt sich im Hintergrund ein Hügel, dahinter öffnet sich ein Tal in welchem sich die Strasse bald verliert. Auf dem Hügel wie auch auf der Strasse stehen zahlreiche Menschen in kleineren Gruppen umher. Die meisten blicken in Richtung des Tals, aus welchem sich eine Rauchwolke erhebt. Nur zwei Männer im Vordergrund wenden sich ab und damit der Kamera zu, scheinen diese allerdings in keiner Weise zu beachten. Die einzige Frau auf dem Bild steht hinter dem Pick-Up, ihr säuberlich frisiertes Haar, die blaue Jacke und ihr kleiner, hellgrauer Rucksack heben sich deutlich von Erscheinungsbild ihrer Umgebung ab. Von ihrem Gesprächspartner sieht man nur den Hinterkopf, erst bei einer genaueren Betrachtung kann man die Ränder einer schwarzen Sonnenbrille sowie einen Hemdkragen erkennen. Wahrscheindlich handelt es sich dabei um zwei westliche JournalistInne. Die Grenzen zwischen ihnen und den Militärs verschwimmen ebenso wie jene zwischen (scheinbar) unbeteiligten ZuseherInnen und AkteurInnen: alle - und damit auch Luka Faccio selbst - sind in diesem Moment ein Teil dieses Krieges. Das Zusammenspiel zwischen Medien und Militär wird in einem anderen Bild noch offensichtlicher entlarvt. Ein Kameramann bereitet darauf gerade die Kamera vor, einen Reporter zu filmen. Im Hintergrund hat eine Gruppe kurdischer Kämpfer eine Strassensperre inszeniert, während am rechten Strassenrand - ausserhalb des Fernsehbildes - eine Satelitenstation aufgestellt und mit der Kamera verkabelt wurde. Im Vergleich zu anderen zeitgenössischen, fotografischen Praktiken, etwa jener von Allan Sekula, fällt bei Luka Faccio die Abwesenheit eines begleitenden Textes auf (so trug das letzte Ausstellungsprojekt sogar den Titel "no comment"). Während Sekula die Fotagrafien vorwiegend als Illustration des dazugehörigen Textes einsetzt, wird dieser Subtext bei Faccio vom Kanon der Massenmedien zur Verfügung gestellt. Die daraus resultierenden Widersprüche ermöglichen der Arbeit erst, ihre volle Wirkungsweise zu entfalten. Widersprüche finden sich dabei auch in den Bildern selbst zur Genüge, nicht zuletzt in den Portraitaufnahmen: in den Gesichtern der Menschen, den Posen, der Kleidung. Wie schnell dabei das "Gleichgewicht der Widersprüche" kippen kann, zeigt sich dann an einzelnen Fotografien: etwa wenn SoldatInnen - welche wir meist lächelnd, in voller Ausrüstung und gewissermassen vor den Kameras posierend kennen gelernt haben - bei Kriegsbeginn im Bus an die Front gebracht werden. In eben diesen Momenten fällt das Lächeln - eine Maske, welche die meisten Gesichter kleidet und uns als BetrachterIn angesichts der Umstände des Krieges von Beginn an in tiefes Unbehagen gestürzt hat. Am stärksten ist dieses Unbehagen vielleicht bei den Jubelszenen nach dem Sturz des Baath-Regimes: eine überschwengliche Menge streckt dabei vor dem Hintergrund einer US-Flagge mit Silvester "Rocky" Stallone in Jubelpose die Hände in die Luft. Im Hintergrund kann man - als ob es sich dabei um eine weitere Person in der Menge handeln würde - den oberen Teil die Statue eines Soldaten erkennen. An einer anderen Stelle hingegen ziehen junge Männer mit einer kurdischen Flagge duch die Strassen, das Lächeln und die Posen sind verschwunden. Die Männer werfen böse Blicke in die Kamera, ziehen weiter. Die Performance wurde von direkter Aktion ersetzt. Die BetrachterIn wird angesichts dieser Bilder unwillkürlich mit der Widersprüchlichkeit ihrer eigenen Position konfrontiert - eine Position die jedenfalls eine Performance für oder wider dem Krieg verlangt.

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DerStandard

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