"Aliens" Lunik IX

„Für sie haben die Politiker und die Medien keine Ohren und Augen. Die geben nicht so gute Bilder her!“, sagt Ivan Hriczko, Chef der 2003 von ihm mitgegründeten slowakischen Roma Press Agency (www.rpa.sk/). Mit „sie“ sind jene etwa 120.000 Roma gemeint, die unter meist katastrophalen hygienischen und sozialen Bedingungen in Ghettos außerhalb der ostslowakischen Städte und Dörfer hausen.

Ende Februar 2005 besuchten der Fotokünstler Luca Faccio und der Redakteur Chris Haderer im Rahmen einer Recherche für ein österreichisches Monatsmagazin Roma-Siedlungen in Košice und Svinia. Das Magazin zählt aber offensichtlich auch zu jenen Medien, die keine „Augen und Ohren“ für das Elend in unmittelbarer Nachbarschaft Österreichs haben: Luca Faccios Fotodokumentation wurde nicht publiziert. „Der Frühling stand vor der Tür. Die Redaktion wollte keine schwere Kost, sie wollte lieber Tipps geben, wie man Kilos verlieren kann um fit für den Sommer zu sein“, sagt Luca Faccio. Lunik IX heißt die aus kommunistischer Zeit stammende Plattenbausiedlung am Rande der Altstadt von Košice/Kaschau; die Regierung schob die Mitglieder der Roma-Minderheit systematisch in dieses Viertel ab und ließ es zum Ghetto mit herausgefallenen Fensterscheiben und vermüllten Rasenflächen verkommen.

Luca Faccios Reise endete im elendsten Roma-Slum, in Svinia, unweit von Košice. Hier wohnen etwa 660 Degesi, Vertreter der niedrigsten „Kaste“ der Roma, unter uns unvorstellbaren Verhältnissen. „Ich war von Gezeichneten umgeben – und traf auf keinen Einzigen, der dem Fremden, der ihn besuchte, nicht zugelacht und ihm freundschaftlich auf die Schulter geklopft hätte.“ Dieser Beschreibung Svinias von Karl-Markus Gauß entsprechen auch die Aufnahmen, die Luca Faccio hier gemacht hat. Dass Armut nicht gleichbedeutend sein muss mit Hass und Feindseligkeit gegenüber Wohlhabenden (Fremden), irritiert unser Empfinden beim Betrachten dieser Bilder zusätzlich.„Wir müssen nicht in die Sahel-Zone oder in die Slums von Jakarta reisen, um Armut in krassester Ausprägung vorzufinden. Wir müssen nur unsere Augen öffnen, dann finden wir auch in den reichsten Ländern vor unserer Haustür das größte Elend. Turbokapitalismus und Neoliberalismus erzeugen neue Gefälle zwischen Reich und Arm. Es ist meine Aufgabe als Fotograf und Künstler, den Vertretern der Wohlstandsgesellschaft hierfür die Augen zu öffnen“, sagt Luca Faccio. „Und wenn es noch eines besonderen Anlasses bedarf: 2008 ist das Jahr des interkulturellen Dialogs der EU. Zur Kultur zählen schließlich nicht nur Opernbälle und Biennalen. (…) Meine Bilder sind vor allem für den öffentlichen Raum gemacht und nicht allein für den Kunst-Ausstellungsbetrieb. Ich freue mich daher, dass Infoscreen meine Bilder während des Monats der Fotografie in der Wiener U-Bahn ausstrahlt.“

Luca Faccios Serien Lunik IX und Svinia umfassen insgesamt etwa 60 Farbfotografien. Zur Publikation können bereits 15 Fotografien ein Bild von den Lebensumständen der Bewohner dieser beiden Orte ergeben.

Barbara Pichler Curator

Chris Haderer Video