Luca Faccio:

Vienna/Austria—Dhaka/Bangladesh—retour.

Oder: Ein Tag in Bangladesch „Am Schöpfwerk“ in Wien

Beitrag/Projekt zu:
Eyes on – Monat der Fotografie Wien 2010
Ort: Künstlerhaus Wien, Künstlerhauskino (Projektion von ca. 20 Bildern à 3" vor jeder Filmvorführung; 2 bis 3 Panorama-Fotoprints im Foyer/Café des Künstlerhauskinos)

Die in den 1980er-Jahren errichtete kommunale Großwohnanlage „Am Schöpfwerk“ liegt im 12. Wiener Gemeindebezirk. Ihre in 1700 Wohnungen auf einer Fläche von 17,7 ha lebenden 5000 BewohnerInnen stammen aus über 40 Ländern und sprechen etwa 20 verschiedene Muttersprachen.

In den Jahren 2008 und 2009 gab der Fotokünstler und Reportagefotograf Luca Faccio Workshops mit jugendlichen bzw. arbeitslosen BewohnerInnen unterschiedlicher Herkunft. Die TeilnehmerInnen „lernten im Rahmen dieses Fotoprojekts ihre Wohnumgebung aus neuen Blickwinkeln kennen und setzten sich intensiv und lustvoll mit dem ausdrucksstarken Medium der Fotografie auseinander“1. Im Januar 2010 wurden ihre besten Resultate in drei Ausstellungen mit jeweils 66 Fotografien präsentiert und prämiert.

Luca Faccio gewann über die bei seinen Workshops entstandenen persönlichen Kontakte selbst neue Einblicke und Zugänge in den kulturellen Pluralismus am „Schöpfwerk“, welche er mit dem für ihn spezifischen Fokus auf das Interesse am Menschen mit seiner kulturellen Tradition – und Transgression – fotografisch festhielt.

So entstand die Serie „Vienna/Austria—Dhaka/Bangladesh—retour“, welche die Hochzeitsfeier einer aus Bangladesch stammenden Familie samt ihren in Wien (am Schöpfwerk) aufwachsenden Kindern dokumentiert. Würden die Ein- und Ausgangsbilder dieser Bilderfolge nicht das real-topografische bauliche Ambiente beschreiben, könnten „westliche“ Betrachter das Szenario durchaus in den Großraum des indischen Subkontinents lokalisieren. Faccio, der bis dato 48 Länder der Welt rund um den Globus bereist hat, möchte uns aber vor allem auf das wertvolle Potenzial des „Reisens“ – d.h. insbesondere des offenen, erkundenden und kommunizierenden Blicks – innerhalb unseres kulturellen Tellerrands hinweisen: „Der Mensch hat immer Angst vor dem Unbekannten, Fremden, solange er nicht bereit ist, seine Fühler auszustrecken. Tut er das, mit gebührender Achtung freilich des Anderen, wird er nur im seltensten Fall auf Ablehnung stoßen. Jede/r hat eine Geschichte zu erzählen und jede/r ist interessiert an Geschichten – an persönlichen wie auch an uns unbekannten aus fernen Ländern und Kulturen. Lassen wir uns Geschichten nicht nur über die Medien erzählen, die nie persönlich sind, sondern von den Menschen, die sie erlebt haben und sie leben, im Austausch mit unseren eigenen Geschichten, die für jene genauso interessant sind.“

Dieser gegenseitig positiv profitierenden Intention entspricht auch Faccios fotografische Praxis: „Als Fotograf […] lässt Faccio die Menschen in seinen Bildern immer selbst sprechen: von ihrem Alltag, ihren Träumen, von Hoffnung und Enttäuschung. Ihre Erzählungen bestehen aber nicht aus Worten, sondern vielmehr aus Gesten und Blicken, welche sie einander – und nicht zuletzt auch der Kamera – zuwerfen; alltägliche Geschichten, die sich mit Worten allein kaum erzählen ließen. Die Fotografie nimmt damit zwischen den Betrachter- und den ProtagonistInnen eine Vermittlerrolle ein – und die abgebildete Umgebung liefert die Indizien für den politisch-sozialen Kontext, der den Rahmen für diese Begegnung festlegt.“2

(Lucas Gehrmann)


1 „Trilogie Am Schöpfwerk“, in: Bassena, Stadtteilzentrum Am Schöpfwerk, www.bassena.at/content/site/archiv/article/217.html